Anwendungsmöglichkeiten und didaktische Konzepte

Tweedback versteht sich als Werkzeugkasten didaktischer Konzepte und Möglichkeiten. Aufgrund der Möglichkeit einzelne Funktionen von Tweedback nach Belieben zu- und abzuschalten, sind verschiedenste Einsatzszenarien denkbar. Eine feste Vorgabe, wie Tweedback benutzt werden muss, gibt es nicht. Vielmehr hat sich gezeigt, dass sich in unterschiedlichen Lehrsituationen mit unterschiedlichen Rahmenbedingungen ganz vielfältige Anwendungsmöglichkeiten entwickeln und anbieten.

Im Folgenden wollen wir einige dieser Anwendungsmöglichkeiten vorstellen um Impulse für den eigenen Einsatz von Tweedback zu geben. Über Anmerkungen, Hinweise oder Beschreibungen eigener/weiter Einsatzszenarien würden wir uns sehr freuen.

Vorher-Nachher-Befragung

Diese Methode hat sich in medizinischen Vorlesungen und Prüfungsvorbereitungen entwickelt, kann aber auch ohne Umstände auf andere Disziplinen übertragen werden. Zunächst erhalten die Studenten spezifische Informationen (bspw. ein Röntgenbild oder eine Auflistung konkreter Symptome), bevor ihnen anschließend eine Frage gestellt wird (bspw. welche Krankheit ihrer Meinung nach vorliegt). Nun wählen die Studenten mit Hilfe der Quizfunktion aus einer begrenzten Auswahl an Antwortmöglichkeiten jene aus, von der sie glauben, dass es sich um die gesuchte Krankheit/Antwort handelt. Das Ergebnis der Abstimmung bleibt zunächst geheim und wird nur dem Dozenten angezeigt. Nun erfolgt eine zweite Informationsrunde, in der die Studenten weitere Einzelheiten erfahren, oder sich unter einander beraten und austauschen dürfen. Anschließend wird erneut erfragt, welches Krankheitsbild vorliegt bzw. wie die richtige Antwort lautet. Erneut stimmen die Studenten ab. Jetzt ist es für den Dozenten möglich, die Ergebnisse der ersten Abstimmungsrunde mit denen der zweiten zu vergleichen und ggf. für die Studenten zu veröffentlichen.

Mit Hilfe dieser konkreten Anwendung von Tweedback wird es – aufgrund der Erhebung bzw. Erfragung der korrekten Antwort zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten – möglich, relativ präzise zu messen, welche Zusatzinformationen oder Zwischenaktivität (Diskussion, Partnergespräch, Eigenrecherche) die Studenten der richtigen Antwort näher bringen. Außerdem ermöglicht die Methode eine sehr hohe Einbindung der Studenten in die Wissensvermittlung und erhöht den Grad der Interaktivität auch unter den Studenten.

 

Evaluation

Tweedback ist sehr gut geeignet um als Dozent schnell und anonym Feedback für die eigene Lehre zu erhalten. Dabei hat es sich bewährt, die Chatwall zum Ende der Veranstaltung hin (bspw. für die letzten 5 Minuten in einer Vorlesung), aktivieren und die Studenten zu bitten, kurz ihre Einschätzung der Veranstaltung, kritische Aspekte oder Verbesserungsvorschläge zu formulieren. Der Vorteil dieser Methode liegt darin, dass die Abgabe von Feedback einfach, schnell und ohne zusätzliche Evaluationsbögen erfolgt, die Bewertung der Veranstaltung aufgrund der Anonymität zumeist ehrlicher ausfällt und damit auch einen größeren Mehrwert für den Dozenten bietet. ! Zudem liegen die Äußerungen der Teilnehmer automatisch in elektronischer Form vor und der Dozent kann sich diese problemlos selbst per Mail zuschicken, um das verschriftlichte Feedback zu einem späteren Zeitpunkt gesondert auszuwerten.

 

Studenten helfen Studenten

Es hat sich gezeigt, dass gerade – aber nicht ausschließlich – naturwissenschaftliche Lehrveranstaltungen durch relativ einfache Verständnisfragen unterbrochen werden. Bspw. was ein bestimmtes Symbol bedeutet, wofür dieser oder jener Buchstabe steht oder weshalb beim Lösen einer Gleichung so oder so verfahren wird. Fragen dieser Art können aufgrund ihrer Trivialität oftmals von anwesenden Kommilitonen beantwortet werden. Aufgrund der Struktur von Vorlesung oder Übung werden diese Fragen aber – wenn überhaupt – an den Dozenten gerichtet, der damit seinerseits wertvolle Zeit verliert.

In diesen Veranstaltungen hat es sich bewährt, die Chatfunktion permanent eingeschaltet zu lassen und die Studenten dazu zu ermutigen, vermeintlich „einfache“ und kleine Fragen mit Hilfe der Chatwall direkt an die Kommilitonen zu richten, sodass diese ihrerseits auf die Fragen antworten können. Der Dozent schafft so – neben der eigentlichen Vorlesung – einen zweiten Kommunikationsraum, in dem Studenten untereinander jene Fragen stellen und auch untereinander beantworten können, deren Beantwortung durch den Dozenten den Fluss der Vorlesung zu sehr stören würde, bzw. aufgrund der begrenzten Zeit nicht möglich wäre.

 

Fragen im Nachhinein

Nicht alle Fragen, die im Verlauf von Vorlesung, Seminar oder Übung auftauchen, müssen sofort beantwortet werden. Manchmal bietet es sich an, bestimmte Fragen oder Themenkomplexe entweder gebündelt am Ende der Veranstaltung oder gar erst im Nachhinein (heißt in der Zeit zwischen zwei Veranstaltungen) zu beantworten. So haben sich bspw. folgende zwei Vorgehensweisen bewährt. Einerseits ist es möglich, die Studenten bereits zu Beginn oder während der laufenden Veranstaltung zu ermutigen, spezifische Fragen zu einem konkreten Themenkomplex im Verlauf der Veranstaltung über die Chatwall zu formulieren um diese gebündelt im letzten Teil der Vorlesung zu beantworten bzw. gemeinsam zu bearbeiten. Mit diesem Verfahren ist es bspw. möglich, ein während der Veranstaltung aufkommendes Diskussionsthema zu fokussieren und komprimiert am Ende zu bearbeiten um den eigentlichen Fluss der Veranstaltung nicht zu stören. Des Weiteren hat sich gezeigt, dass es von Vorteil sein kann, organisatorische Fragen ebenfalls per Chatwall zu sammeln und diese erst im Anschluss an die Veranstaltung (bspw. per Mail, per StudIP oder zu Beginn der Folgewoche) zu beantworten.

 

Umgang mit Spam in der Chatwall

Eines ist klar: Je mehr Sie die Studierenden in einer Veranstaltung “mitreden” lassen, umso stärker verlieren Sie als Dozent die Kontrolle über das Geschehen. Das ist nicht unbedingt schlecht, denn die Lehrveranstaltung soll ja primär den Bedürfnissen der Studierenden helfen. Indem Sie diese wahrnehmen wird ein kollegialeres Miteinander im Lernen möglich. Gelegentlich nimmt aber auch “Spam” überhand: Sinnlose, mit der Veranstaltung in keiner Weise verbundene Kommentare erscheinen auf der Chatwall. Nach unserer Erfahrung legt sich das nach einiger Zeit, wenn die Studierenden die positiven Nutzeffekte des Werkzeugs für sich erkennen. Ebenso hilfreich ist es, das Phänomen anzusprechen und nachzufragen. In manchen Kommentaren, die Unmut äußern, steckt mitunter ein tieferer Grund – Nachfragen kann hier helfen und letztlich dazu beitragen, Lehre und Lernen zu verbessern. In jedem Fall gilt: Die Chatwall kann man als Dozent jederzeit abschalten und damit, wenn man es für notwendig erachtet, die Kontrolle über das Kommunikationsgeschehen wieder erlangen.

 

Quiz mit unscharfen Antworten

Wird ein Multiple-Choice-Quiz für Prüfungszwecke eingesetzt, dann ist eine klare Formulierung essentiell: Es muss (für den Kenner der Materie) sehr deutlich werden, welche Antwort-Varianten richtig und welche falsch sind. Unscharfe Antworten bieten sich hingegen als didaktisches Hilfsmittel für einen Einstieg in Diskussionen oder Reflexionen an. In Fällen, in denen Antwort A, aber auch Antwort B richtig sein kann, oder in Situationen, in denen die Formulierung einer Antwort Zweifel am gemeinten Inhalt aufkommen lässt, kann der Einstieg in eine Debatte gut über ein solches Quiz gefunden werden. Welche Gründe sprechen für diese oder jene Antwortoption? Wie kann man die unpräzise Formulierung einer Frage oder Antwort verbessern? Gerade bei Themengebieten, in denen oft Missverständnisse auftreten, kann dieses Hilfsmittel die aktive Beschäftigung mit dem Stoff fördern.

 

Panic-Button als Signalgeber

Die konkrete Nutzung des Panic-Buttons erscheint zunächst nicht derart naheliegend wie der Einsatz von Chatwall oder Quiz-Funktion. Ursprünglich wurde er implementiert, um Studenten in großen Vorlesungen die Möglichkeit zu geben, dem Dozenten ein diffuses Gefühl des Nicht-Folgenkönnens, des Unverständnisses oder auch der Unaufmerksamkeit zu signalisieren. Der Panic-Button war als eine Form des digitalen „Gemurmels“ gedacht.

Eine ganz konkrete Einsatzmöglichkeit bietet sich hingegen in kleineren Veranstaltungen – insbesondere in Übungen, in denen die Anwesenden komplexe Aufgaben (alleine oder in Gruppen) zu lösen haben. In diesem Rahmen hat sich folgendes didaktisches Konzept als überaus wertvoll erwiesen: Der Dozent stellt zu Beginn relativ aufwendige (Gruppen-)Aufgaben an die Teilnehmer, deren Bearbeitung eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt (Bspw. Berechnungen im Rahmen von Statistik-Übungen, Diskussion komplexer sozialer Phänomene oder die Diagnostik bestimmter Krankheiten). Im Zweiten Schritt beginnen die Studenten mit der Lösung der Aufgabe oder der Diskussion konkreter Lösungswege. Sobald einzelne Personen oder Teilgruppen der Studierenden das Gefühl haben, der Lösung nicht näher zu kommen oder in der Diskussion festzuhängen, betätigen sie den Panic-Button. Der Dozent kann nun ganz konkret sehen, wie hoch der Anteil unter seinen Studenten ist, der mit der Lösung der gestellten Aufgabe Probleme hat. Nun kann er individuell entscheiden, ab wann – heißt: ab welchem Ausmaß der Überforderung der Studenten – er Hinweise zur Lösung der Aufgaben oder hilfreiche Gedankenanstöße gibt (z.B. das Verweisen auf konkrete, benötigte Formeln, Erinnern an vorhandene Theorien und Konzepte oder das Betonen spezifischer Symptome).

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